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Musikveranstaltungen als Livestream – funktioniert das?

Im Jahr 2020 wurde aus der Not heraus versucht, Veranstaltungen als Livestream im Internet zu etablieren. Ist das eine echte Alternative?

Anfang des Jahres 2020 zwang die Corona-Pandemie alle Veranstalter und Event-Locations schlagartig dazu, neue digitale Veranstaltungsformate zu etablieren. Herkömmliche Präsenz-Veranstaltungen waren von heute auf morgen untersagt und in kürzester Zeit experimentierte die sonst eher konservative Branche mit neuen Konzepten. Ganz oben auf der Liste möglicher Lösungen stand die Idee von Online-Events. Konzerte und sogar Festivals wurden als Livestream angekündigt und meisten kostenlos auf Plattformen wie Facebook und YouTube zur Verfügung gestellt. Auch wir haben diese Entwicklung natürlich sehr aufmerksam verfolgt. Mittlerweile sind wir, sowohl aus privater als auch aus beruflicher Sicht zu dem Schluss gekommen: Das Verlegen von kulturellen Veranstaltungen ins Internet kann man vergessen. Zumindest gilt das für einen großen Teil der Events. Der deutsche Regisseur Christian Petzold geht sogar noch weiter und bezeichnete digitale Festivals als “Methadon-Programme”.

Nun sollten wir, als Unternehmen das sich auf digitale Dienste wie Event-Streaming spezialisiert hat doch eigentlich dazu, ermuntern bisherige Events einfach digital umzusetzen. Das tun wir auch. Allerdings nur für den B2B-Bereich – also die klassischen Business-Events. Denn dort kommt es eben hauptsächlich auf die Inhalte an während bei Musikveranstaltungen die Emotionen im Vordergrund stehen.

Kurz gesagt, gilt für das Live-Streaming: “Gala ist fein – Rock ’n’ Roll eher nein”. Mit einer Ausnahme: denn als Ergänzung zu Live-Events können Livestreams durchaus funktionieren. Aber der Reihe nach.

Warum besuchen Menschen Live-Events?

Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, haben wir uns ein wenig damit beschäftigt, warum Menschen eigentlich Veranstaltungen besuchen. Denn reine Inhalte wie Podcasts, Lesungen und Musik bekommt man mittlerweile durch Apps wie Spotify und co. in Echtzeit auf sein Handy gestreamt. Es muss also etwas anderes dahinterstecken.

Um auf Konzerte zu gelangen, nehmen Menschen schließlich Kosten und Mühen in Kauf. Konzerttickets kosten meist mehr als ein Tonträger und oft ist der Konzertbesuch mit einer Reise in die jeweilige Stadt verbunden, in der das jeweilige Konzert stattfindet. Um herauszufinden, was den Reiz von Live-Events eigentlich ausmacht, hat der Musikwissenschaftler Martin Pfleiderer einige Studien ausgewertet.

Los ging das mit den Musikevents im 19. Jahrhundert, als die Urbanisierung die Menschen in die Städte trieb. In den Kneipen wurde ja immer schon gesungen, aber die wurden dann natürlich irgendwann zu eng. Also schuf man Musik- und Tanzhallen und die Idee der heutigen Veranstaltungshäuser war entstanden. Dadurch wurde so etwas wie Tourneen natürlich erst möglich. Und, wie wir alle wissen, hält dieser Trend bis heute an.

Aber Events wie z. B. Live-Konzerte sind eben nicht nur der reine Vortrag auf der Bühne. Martin Pfleiderer nennt die folgenden Aspekte, die das Live-Erlebnis beeinflussen. Da schauen wir doch mal, was davon auf dem Weg ins Internet verloren geht.

Eigenschaft Präsenz-Event Online-Event
Atmosphäre des Veranstaltungsortes X
Größe des Veranstaltungsortes X
Zusammensetzung des Publikums X
Kosten für den Eintritt
Bekanntheit der Künstler
Musik-Genre
Verhalten des Publikums X

Klar – alles, was mit der Event-Location zu tun hat, bleibt auf der Strecke. Und natürlich der komplette Teil des Publikums. Was in der Tabelle nur einen Punkt darstellt, ist im richtigen Leben natürlich viel mehr. Auf Live-Events möchte man zusammen tanzen, singen und lachen. Und das auch mit fremden Menschen, denen man aber bei einem solchen Event gar nicht mehr so fremd ist – hat man doch schließlich Spaß an der gleichen Musik.

Natürlich kann man sich für das Online-Konzert zu Hause Freunde einladen. Aber anders als ein Fernsehabend mit einem Live-Mitschnitt auf DVD wird es dann wahrscheinlich nicht werden. Die Live-Stimmung, das Gruppenerlebnis und auch die Interaktion zwischen den Künstlern mit dem Publikum können nicht übertragen werden. Man denke nur an die klassischen Konzert-Rituale wie Klatschen, Trampel, Schreien oder – geliebt und gehasst – das unvermeidliche Schwenken der Feuerzeuge bei den ruhigeren Tönen.

Am ehesten ähneln Online-Konzerte noch den Kneipen-Konzerten, bei denen man hauptsächlich mit seinem Bier und der Tischrunde beschäftigt ist und die Musik eher nebenbei die Stimmung hebt.

Sind Online-Konzerte also generell unsinnig?

Nein, das sind sie nicht. Livestreams werden reale Live-Konzerte sicher niemals ersetzen können. Allerdings gibt es durchaus eine Bereitschaft, sich ein Live-Event auch im Internet anzusehen. Das ist z. B. interessant für Menschen, die einfach zu weit entfernt sind, die zu wenig Zeit für die Anreise haben und natürlich Menschen, die aus gesundheitlichen oder finanziellen Gründen nicht an der Veranstaltung teilnehmen können. Mit anderen Worten: als Zusatzangebot sind Livestreams eine gute Sache. Im Fernsehen gibt es ja bereits etablierte Formate, wie den WDR Rockpalast der seit den 1970er-Jahren eine feste Institution für live übertragene und aufgezeichnete Konzerte ist. Laut einer bereits etwas älteren GfK-Studie aus dem Jahr 2007 schauten sich zu diesem Zeitpunkt schon 10 % der Konzertbesucher unter 20 Jahren regelmäßig Live-Konzerte im Internet an. Und knapp 3 % gab an bereit zu sein auch dafür zu bezahlen. Man kann davon ausgehen, dass diese Zahlen heute, ca. 13 Jahre später, noch einmal deutlich höher sind.

Für Bands sind parallele Livestreams auch eine gute Gelegenheit ein größeres Publikum zu erreichen und so die Bekanntheit zu steigern – unabhängig vom Fassungsvermögen der gebuchten Locations. Und auch bei ausverkauftem Shows ist es für enttäuschte Fans ein Trostpflaster, das Konzert zumindest im Internet verfolgen zu können.

Welche Relevanz haben Musikveranstaltungen?

Um es kurz zu sagen: eine sehr große Relevanz. Laut dem Marktforschungsinstitut GfK besuchen etwa ein Drittel aller Deutschen über zehn Jahren mindestens eine Musikveranstaltung im Jahr. Nimmt man als durchschnittlichen Ticketpreis ca. 30 – 35 EUR an, lässt sich allein die finanzielle Bedeutung von Live-Veranstaltungen erahnen. Innerhalb des Entertainment-Bereichs geben die Deutschen nur für Bücher (1.972 Mio. EUR) mehr Geld aus als für Live-Events (1.444 Mio. EUR). Im Vergleich mit Tonträgern wird sogar die doppelte Summe für Live-Events ausgegeben. Das zeigt natürlich auch, wie bedeutend solche Veranstaltungen für die Musiker sind. Während der Absatz von Tonträgern, begünstigt durch die Verbreitung von Streaming-Angeboten, immer weiter zurück geht ist die Begeisterung für Live-Veranstaltungen ungebrochen. Und noch ein Fakt darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden: pro Konzertbesucher werden ca. 17,00 EUR in Merchandise investiert – zusätzlich zum Ticketpreis.

Wer ist von den Pandemie bedingten Konzert-Absagen besonders betroffen?

Folgt man den Auswertungen von Martin Pfleiderer kann man sagen, aufseiten des Publikums sind es fast alle Altersklassen. Denn die Begeisterung für Musikveranstaltungen ist von 19 bis 50 Jahren ungebrochen. Klar, die Art der Konzerte ist unterschiedlich aber insgesamt werden die Leute scheinbar erst über 50 etwas ruhiger und besuchen Events dann nicht mehr so regelmäßig. Auf der Seite der Künstler und Veranstalter sind es aber vor allem die Open-Air-Festivals, Musicals und Rock- und Pop-Konzerte. Denn diese Events begeistern alle Altersgruppen und machen den Großteil der Live-Veranstaltungen aus. Dieser Teil des Entertainment-Sektors ist von den ausbleibenden Events im Jahre 2020 besonders hart getroffen. Das zeigt sich auch daran, dass es hier die meisten Versuche gab, mit einem Livestream Ersatz zu schaffen. Da es scheinbar große Unsicherheiten gab, ob man für so ein virtuelles Event auch “Eintritt” nehmen kann, wurde meist auf eine Spendenoption ausgewichen.

Unter dem Strich bleibt: Ein Ersatz sind Liveübertragungen im Internet weder für das Publikum noch für die Veranstalter. Zukünftig könnten die jetzt erprobten Online-Formate jedoch als schöne Ergänzung zu normalen Veranstaltungen gut funktionieren. Man spricht dann von Hybrid-Events, an denen auch Menschen teilnehmen können die aus den verschiedensten Gründen an der eigentlichen Veranstaltung nicht teilnehmen können oder möchten.

(Quelle: “Live-Veranstaltungen von populärer Musik und ihre Rezeption” / Martin Pfleiderer / erschienen im Buch “Musikrezeption, Musikdistribution und Musikproduktion” aus dem Verlag “Gabler Edition Wissenschaft” und die im Text enthaltenen Studien)

 

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Max Pohl
Marketing & Digitale Dienste
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